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Text Lisette Pelsers, Direktorin des Kröller-Müller Museums in Otterlo (NL)
Dieser Text wurde anlässlich der Einzelausstellung (2008) im Rijksmuseum Twenthe (NL) geschrieben, wo Lisette Pelsers in dem Moment Direktorin war.

Ine Vermee ist keine Künstlerin der großen Geste, sie operiert in kleinen, wohlüberlegten Schritten. Ihre Vorgehensweise ist umsichtig und zugleich entschieden und ihren Arbeiten liegt ein sorgfältiger Prozess des Abwägens zugrunde: von der Formulierung der Ausgangspunkte bis zur Festlegung der besten Arbeitsweise.

Jedes ihrer Werke repräsentiert die Etappe einer fortwährenden Erkundung von Wirkung und Eigenschaften der Farben – sowohl unabhängig voneinander als auch in gegenseitiger Wechselbeziehung und unter dem Einfluss zusätzlicher Aspekte, wie der Textur, oder äußerer Faktoren, wie dem Licht im jeweiligen Raum oder der Position des Betrachters.

Die Verwendung bestehender Farbskalen, wie RAL-Farbfächer oder Meier-Weißtöne, verschafft ihren Arbeiten eine rationale, systematische Basis, die ihre Befunde zur Farbwirkung verifizierbar machen. Die Auswahl, die sie im Laufe des Arbeitsprozesses trifft, ist nichtsdestoweniger sehr persönlich und zeugt von großem Farbempfinden. Ihre dosierten künstlerischen Interventionen resultieren in eine Unaufdringlichkeit, wobei insbesondere die Farbgebung mit gedeckten Tönen und subtilen Weißnuancen dazu führt, dass ihre Arbeiten nicht unmittelbar ins Auge springen.

Zugleich besitzt Ine Vermee die große Gabe, mit ihren zunächst unauffällig wirkenden Werken Räume zu beherrschen. Die Wirkung ihrer Arbeit entfaltet sich direkt vor Ort am besten. Entscheidend sind das sich ändernde Tageslicht und der jeweilige Standort des Betrachters. So gelang es ihr auf ihrer Ausstellung im Rijksmuseum Twenthe 2008, mit in verschiedenen Strukturen verputzten Weißtönen, einen der großen Museumssäle je nach Lichtverhältnissen farblich völlig unterschiedlich erscheinen zu lassen.

Für die Sammlung dieses Museums ist Ine Vermee eine würdige Nachfolgerin von Künstlern wie herman de vries, Jan Schoonhoven oder Sol Lewitt. Als Erbin einer formalen Tradition weiß sie, wie sich die Fallstricke einer blutleeren, starren Abstraktion umgehen lassen.

Ihre Bilder strahlen und schwirren und wandeln sich je nach Licht und Blickpunkt des Betrachters.